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Verlöschende oder entflammte Kerzen?
Über den Gregorianischen Choral
„Die Kirche betrachtet den Gregorianischen Choral als den der römischen Liturgie eigenen Gesang; demgemäß soll er in ihren liturgischen Handlungen […] den ersten Platz einnehmen.“ So steht es im Artikel 116 der „Konstitution über die heilige Liturgie“ des II. Vatikanischen Konzils.

Weiterhin ist dort festgehalten: Auch wenn ein ausnahmsloser Gebrauch der lateinischen Sprache (mit Rücksicht auf Missionsländer, die der abendländischen Kultur fernstehen) nicht gefordert ist, so sollen doch „gemäß jahrhundertealter Überlieferung des lateinischen Ritus die Kleriker beim Stundengebet die lateinische Sprache beibehalten.“ (Art. 101.§1)
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Dass diese Anordnungen kaum noch eingehalten werden, ist offenkundig. Gerade in „fortschrittlichen“ Kreisen, die immer wieder eine Einhaltung der Konzilsbeschlüsse fordern, da man „nicht hinter das Konzil zurückfallen“ dürfe, wird die lateinische Sprache in der Liturgie abgelehnt. Maßstab ist dabei der sogenannte „Geist des Konzils“, nicht sind es die Texte des Konzils. Und deshalb soll Latein und soll Gregorianischer Gesang in der Kirche – mag das Konzil gesagt haben, was es will – den Menschen von heute nicht mehr zugemutet werden.

In dieser paradoxen Situation, in der die Forderung des Konzils gegen eine eigenmächtige Realität steht, hat sich die Abtei Mariawald unter Abt Josef entschieden, der Kirche gehorsam zu sein. Inwiefern dieser Gehorsam sich lohnt, da er nämlich eine besondere Quelle der Gottesbegegnung sein kann, geht aus einem Brief hervor, den im Februar 2014 ein irischer Mönch an seine Ordensbrüder der Zisterzienser und Trappisten und also auch nach Mariawald geschickt hat.

Gegen das verbreitete Plädoyer, man müsse, was man singt, auch verstehen und also am besten dazu die Muttersprache wählen, argumentiert der Mönch in überraschender Weise: Die (lateinische) Gregorianik sei nicht eine nebensächliche Verpackung für Texte, auf deren Aussage es eigentlich ankomme und die es Wort für Wort zu verstehen gelte. Der Gesang dieser 1500 Jahre alten Form der Liturgie setze dem Ergreifen- und Begreifenwollen eine Grenze. Die Welt des Verstandes ist eine, aber nicht die einzige Welt.

Der heilige Augustinus wird als Zeuge dafür zitiert, dass der Gesang, nicht der verstandene Text, Ort der Offenbarung sein kann:

„Wie weinte ich bei den Hymnen und Gesängen auf Dich, heftig bewegt vom Klang der liebenswürdig-süßen Töne Deiner Kirche! Jener Klang drang an mein Ohr, und die Wahrheit flößte sich ins Herz.“ (Confessiones IX; 6, 14)

Augustinus hat die Worte, da doch Latein seine Muttersprache war, bestimmt verstanden, aber Gott wollte und konnte ihm auf andere Weise eine eigene, die Sprache transzendierende Wahrheit vermitteln. Es war der „liebenswürdig-süße Klang“, der die Wahrheit ins Herz strömen ließ.

Auch Papst Benedikt XVI., so heißt es im Brief nach Mariawald, habe zum 19. Kapitel der Benediktsregel eine wichtige Bemerkung gemacht. In diesem 19. Kapitel ist vom Verhalten der Mönche beim Chorgebet die Rede. Der Papst notiert in seinem Kommentar (den der irische Mönch auf Englisch wiedergibt): Unsere Gedanken, unser Geist sollten sich dem Klang des Gesangs, dem „sound“, anpassen und nicht sollte umgekehrt der „sound“ vom Denken geleitet werden. Primär leitet hiernach also nicht das verstanden Wort zur Begegnung mit Gott. Ein Verstehen, wenn überhaupt, folge möglicherweise erst später.

Als weiteren Zeugen für die außerordentliche Bedeutung der Gregorianik führt der irische Mönch den 17. der „Geistlichen Briefe“ von Dom John Chapman OSB an. In ihm wird der Zusammenhang zwischen dem musikalischen Gestus des lateinischen Psalmengesangs und dem kontemplativen Sänger und Beter so charakterisiert, dass auf assoziativem Wege von diesem Klang her eine Einsicht in den sonst verborgenen Willen Gottes entstehe. Die Tatsache, dass die Schwierigkeit der Psalmen, die keineswegs nur durch die lateinische Sprache gegeben ist, den Nachvollzug der Texte mehr oder weniger reduziere, bedeute aber keinen Mangel, sondern lasse Platz, dass Gott mit dem Beter auf eigene Weise rede. Indem nämlich so „das Herz zum Herzen“ (Augustinus) sprechen könne, entstehe durch die Möglichkeit der „Aneignung der objektiven Wahrheit“ (Chapman) ein tieferer Glaube. Im Gegensatz dazu lasse eine muttersprachliche und den gregorianischen Duktus zwangsweise verändernde Neufassung die Pflanze des Glaubens verkümmern, weil „der Sturzbach der Bilder und Details“ Gott daran hindere, ein weiteres Wort mitzureden.

Auch wenn am Anfang das Wort war und Gott das Wort war (Joh 1,1), so kann es sich als inkarniertes doch mit Musik verbinden und in dieser auf besondere Weise „materialisierten“ Form offenbaren. (Übrigens war der Komponist und Dirigent Leonard Bernstein der Überzeugung, dass Gott seine Worte zur Schöpfung der Welt gesungen hat, weil Sein und Musik zusammengehören.)

Die Einsichten des Konzils in die Bedeutung der Gregorianik und des Lateinischen sind in den vergangenen Jahrzehnten in Frage gestellt worden. Selbst Paul VI., der zunächst das Lateinische in der Kirche beibehalten wollte, änderte später, wohl unter massivem Druck, seine Position und prophezeite nun, dass die Orden ohne Wendung zur Muttersprache beim Gesang der Psalmen zugrundegehen würden „wie sterbende Kerzen“; die Orden zögen nämlich keinen Nachwuchs mehr an.

Die Prophezeiung des Untergangs der meisten Orden, so schließt der Brief des irischen Mönchs, scheint sich in höchst bedrohlicher Weise zu erfüllen. Möglicherweise aber sei das eingesetzte Mittel, die Auslöschung zu verhindern, nämlich die fast totale Einführung der Muttersprache in die Liturgie mitsamt der Vernachlässigung der Gregorianik, eine wesentliche Ursache des Niedergangs, da, mit Augustinus zu sprechen, der Wahrheit ein Weg versperrt wurde, machtvoll ins Herz zu fließen, dorthin, wo cor ad cor loquitur, wo das Herz Gottes zum Herzen des Menschen spricht – und umgekehrt.
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Vielleicht ist es eine Mission der Abtei Mariawald, die im Gehorsam und durch päpstliches Privileg zur lateinischen Liturgie und also auch zum Gregorianischen Gesang zurückgekehrt ist, die Stimme der Wahrheit vernehmbar zu erhalten und ihr Licht vor dem Erlöschen zu bewahren.

Zu erfahren, dass auch heute die Stimme Gottes im 1500 Jahre alten Gesang das Herz heftig zu bewegen weiß, gibt die Liturgie in Mariawald täglich jedem Gelegenheit. Ohne die offene Bereitschaft und die ausdauernde Übung, diese leise Stimme zu hören, aber wird sie nur höchst selten zu vernehmen sein, es sei denn, es geschieht ein Wunder.

Paul Blasel, 2014